| Die Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer
Von Kathrin Frauenfelder |
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| 1983 fanden sich ein Dutzend Bildhauerinnen und Bildhauer zusammen und suchten nach Lösungen, um ihre schwierigen Arbeitsbedingungen zu verbessern. Aus diesem Bestreben ging die Gründung des Vereins Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer(AZB) hervor, der das Ziel verfolgte, die Einrichtung von Ateliers auf dem Gaswerkareal in Schlieren und die Kultur der Bildhauerei zu fördern. Anders als die malenden oder zeichnenden Künstler benötigen Bildhauerinnen und Bildhauer Platz um Steinblöcke, Holzstämme oder Eisenrohlinge zu bearbeiten. Es braucht Geräte und Einrichtungen wie Presslufthammer, Schleif- und Bohrmaschinen, Laufkatzen und Schmiedeöfen, um die Werkstoffe zu bearbeiten. Die Rohmaterialien wollen gelagert sein. In der Stadt Zürich kommt hinzu, dass Künstlerateliers juristisch als Wohnzonen definiert, und diese oft nur in Wohngebieten zu mieten sind, wo Staub und Lärm verboten, und die Kosten hoch sind. Die Bildhauerinnen und Bildhauer stiessen in den 1980er Jahren, als die Jugend bewegt und der Wohnraum knapp war, auf grosse Schwierigkeiten, geeignete Räumlichkeiten zu finden. Heinz Niederer erzählte, wie er damals in einem Provisorium mit nur einem Monat Kündigungsfrist arbeitete. Anderen ging es ähnlich. So tat sich schliesslich eine Gruppe Bildhauerinnen und Bildhauer zusammen, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Die Bildhauer gelangten an die Stadt Zürich und argumentierten, dass diese nicht nur etwas für die Darstellung von Kunst, sondern auch für die Herstellung tun solle. Nach zwei Jahren Verhandlung mit der Stadt Zürich und der Gasversorgung Zürich, fand sich mit dem Gaswerkareal in Schlieren ein geeignetes Gelände. | Dies führte zur Gründung des Vereins
Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer. Die Vision des Vereins wurde zu
ihrem Ziel: nämlich, sich für die Erhaltung, Schaffung und Förderung
von Werkplätzen sowie für die Erhaltung und Förderung der Kultur der
Bildhauerei einzusetzen. Die Vereinsgründung war auch insofern
erforderlich, da die Bildhauer nur als Verein das Areal übernehmen
konnten, das mit der Auflage verbunden war, die historischen Gebäude zu
restaurieren und in Stand zu setzten. Noch bis in die 1970er Jahre wurde
auf dem Gaswerk Areal eigenes Gas aus Kohle produziert. Vier mächtige
zylinderförmige Niederdruckkessel, ferner erhaltenswerte Bauwerke wie das
Apparate-, das Maschinen- und das Gaszählerhaus sowie der Wasserturm mit
grosser Turmuhr prägten das rund 440'000 Quadratmeter grosse Areal. Aus
Anlass des hundertjährigen Bestehens der Gasversorgung Zürich,
beschlossen Stadt und Gasversorgung dem Gelände, wo sich inzwischen auch
Generalunternehmen, Gewerbe und Lagerhäuser niedergelassen haben, der AZB,
die historischen Liegenschaften und eine Landfläche von ca. 2800 m2 zur
Einrichtung von Ateliers im Baurecht für zwanzig Jahre zur Verfügung zu
stellen. Mit einer Ausstellung und einem Fest stellte sich der neu gegründete
Verein der Öffentlichkeit vor. Ein Teil des Erlöses der verkauften
Plastiken ging in die gemeinsame Kasse und bildete den Grundstock für die
Restaurierungen der Gebäude. Viele weitere Initiativen waren notwendig,
um die Finanzen aufzutreiben, um die Vertragsgebühren, den Unterhalt der
Gebäude, die Renovations- und Installationskosten zu bezahlen. |
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| Begehrte Werkplätze Nach und nach haben die Künstlerinnen und Künstler in den Gebäuden und auf einem Landstreifen, entlang der Limmat, ihre Ateliers eingerichtet. Heute noch arbeitet Jürg Altherr in dem Gebäude, das er vor mehr als 20 Jahren bezog. In der alten Lastwagengarage arbeiten Heinz Niederer und Raffael Benazzi. Nebenan schafft Rudolf Rempfler in einem Gebäude hinter hoch aufgerichteten Schutzwänden an fragilen Marmorskulpturen. Roland Hotz und Severin Müller haben ein Innen- wie auch ein Aussenatelier. Piero Maspoli, Thomas Schweizer, und Lilian Hasler haben für sich Werkplätze im Freien installiert. Nicht alle Gründungsmitglieder sind geblieben. Einige sind wieder weggezogen und haben sich anderweitig ein Atelier eingerichtet. Die Atelierplätze sind sehr begehrt. Heute bewerben sich viele jüngere Künstler um einen Platz und um die Aufnahme in den Verein. Kürzlich stiessen so Martin Senn, Bob Gramsma, Kerim Seiler, Gregor Metzger, Katrin Zuzàchovà und das Künstlerinnentrio Mikry 3 dazu.
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Vor ein paar Jahren wurde ein Gastatelier eingerichtet, in dem ausländische Kunstschaffende während eines halben Jahres arbeiten können. Der Verein ist trotz gelegentlicher Meinungsverschiedenheiten und manch ausgefochtenem Strauss beständig. Die verschiedenen Präsidentinnen und Präsidenten haben den Verein geprägt und haben ihm ein Gesicht gegeben. Auf Heinz Niederer, der den Verein initiierte und viel unternahm, um ihn bekannt zumachen, folgte Esther Gisler, die sich mit Renovations- und Vertragsarbeit herumzuschlagen hatte, während Roland Hotz sich anschliessend für die Gemeinschaft als Gemeinschaft einsetzte. Danach kümmerte sich Severin Müller um den Ausbau der Ateliers im Gaszählerhaus. Auf Jürg Altherr, der viel Kulturarbeit leistete, folgt nun, wie es die letzte Generalversammlung im Mai 2006 beschlossen hat, ein Führungstrio. In den 1990er Jahren wurden die Verträge mit der Stadt erneuert. Heute zählt die AZB fast 30 Mitglieder. Ein Buch, das 1993 zum zehnjährigen Jubiläum erschienen ist, dokumentiert die vielfältigen Aktivitäten nicht ohne Selbstbewusstsein. Damals wurden die Mitglieder noch auf dem Papier vorgestellt. Heute betreibt die AZB eine eigene Homepage. |
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| Ein aktiver Verein Die Arbeitsgemeinschaft hat sich oft für gemeinsame Projekte beworben. So etwa 1996 für die Parkgestaltung anlässlich der Überbauung Üetlihof der Crédit Suisse. Auch in Ausstellungen treten die Mitglieder regelmässig gemeinsam auf. So etwa an der letzten Dezemberausstellungen der Stadt Zürich, in den von der Visarte Zürich im 2005 organisierten Präsentationen im Metropol. Schliesslich in der 2005 von Piero Maspoli auf dem Autobahndeckel Opfikon-Glattbrugg organisierten Skulpturenausstellung oder in der von Jürg Altherr 2005 kuratierten Skulpturenausstellung in Münsterlingen. 2005 eröffneten sie zudem ihren eigenen Ausstellungsraum auf dem Gelände. In dem aus gelben Schalentafeln konstruierten Kubus, der „Kunstkammer“, finden regelmässig Ausstellungen und Aktionen statt. So präsentierte der Gast aus London, Rory Macbeth, der mit gebrauchten und verbrauchten Zivilisationsprodukten arbeitet, die Werke, die er während seines Aufenthaltes geschaffen hat. Nach ihm folgten Balthasar + Balthasar, die den 5 x 6 x 6 m grossen Raum mit einer ironisch gemeinten Installation aus aufgepumpten blauen Müllsäcken füllten. Barbara Roth liess die Kammer leer und zeichnete stattdessen lineare Symbole auf Wände und Böden und definiert imaginäre Räume und fiktive Bewegungsmuster, die, Planzeichnungen vergleichbar, die Wahrnehmung aktivieren. Zurzeit zeigt Vincenzo Baviera eine raumbezogene sozialpsychologisch aufgeladene Eiseninstallation. |
Weitere Ausstellungen mit Luzia Hürzeler und Mickry 3 sind geplant. Parallel zu dem von Rudolf Rempfler betreuten Programm in der Kunstkammer, hat Roland Hotz die zweite Skulpturenausstellung auf dem frisch gekiesten Turmplatz kuratiert, wo verschiedene Skulpturen in vielschichtigem Dialog zueinander, mit den Industrieanlagen und mit der Natur stehen. Kerim Seilers Holzkonstruktion „Paravent“ verbarrikadiert zwar die Sicht, macht aber anderes sichtbar, etwa in dem sie den Blick auf die Konstruktion des letzten, stehen gebliebenen Gaskessels lenkt. Ein zufällig an der benachbarten Hausmauer angebrachtes Graffiti konterkariert die aufgebrochene Geometrie der Eisenplastik von René Moser. Das barocke „Brunnewiibli“ von Peter Meister steht nicht nur vom Formalen her in strengem Kontrast zu den Dodekaeder-Stehlen des Altmeisters Peter Storrer. Ordnung und Rhythmus, Positiv und Negativ prägen die Bodenintarsie von Anna-Maria Bauer. Die im spärlich beleuchteten Industriecontainer ausgestellte Granitarbeit „Fracht“ von Piero Maspoli eröffnet ein vielfältiges formales und narratives Potential. Durch mehrfaches aufspalten eines Steinblocks entlang seiner Adern und durch stehen lassen von Material, macht Piero Maspoli Stein sichtbar. Zugleich bringt die knochenhafte Form der Skulptur, ihre Präsentation auf einem zum Quader bearbeiteten Steinsockel Gegensätzliches modellhaft zusammen. Es sind die Gegensätze, die den Blick schärfen. Die Ausstellungen beschränken sich oft nicht allein auf das Gelände des Gaswerkareals. 1998 fand eine grosse Skulpturenausstellung im Stadtraum von Schlieren statt. | |
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| Facetten der Skulptur Die Bildhauerinnen und Bildhauer auf dem Gaswerkareal haben sich immer wieder herausfordern lassen: Sie haben sich nicht nur von den aufkommenden Trends und Techniken anregen lassen, sondern die Mitglieder haben sich auch wechselseitig mit ihren Arbeiten auseinandergesetzt, haben gestritten und sich gegenseitig hart kritisiert. Dann haben sie sich wieder angespornt und haben auch voneinander gelernt. Der gegenseitige Austausch, das Teilen von in der Anschaffung kostspieligen Werkzeugen und vorübergehend von Ateliers sowie die Planung und Ausführung der gemeinsamen Projekte haben den Verein lebendig gehalten. Wer die Werkplätze auf dem Areal oder die Ausstellungen in der Kunstkammer besucht, dem fällt die Vielfalt an skulpturalen Ausdrucksweisen ins Auge. Seit in der Geschichte der Skulptur der Akzent sich in Richtung Reduktion, Konzept und Prozess verschoben hat, hat auch die von Material und Handwerk geprägte Skulptur neue Impulse erhalten. Dies belegen, um nur einige Beispiele zu nennen, die Steinarbeiten von Piero Maspoli, der riesige Blöcke aufspaltet. Die Titan- bzw. Aluminiumblechzeichnungen von Jürg Altherr, der diese zur skulpturalen Verkleidung von Autobahn-Lärmschutzverbauungen (bei Emmen) einsetzt. Oder die Holz- und Papierskulpturen von Severin Müller, dreidimensionale Umsetzungen von Fotografien, die sich in einer Weise perspektivisch verzerren, als befänden sie sich im Cyberspace.
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Durch Kontinuität, durch Entwicklung, durch Bestandesaufnahme, Besinnung Konsolidierung und Weiterentwicklung, zeichnet sich die Arbeit vieler Vereinsmitglieder aus. So ist es ihnen denn auch immer wieder gelungen, Kultur und Metier der Bildhauerei aktuell und präsent zu halten. Durch Kontinuität, durch Entwicklung, durch Bestandesaufnahme, Besinnung Konsolidierung und Weiterentwicklung, zeichnet sich die Arbeit vieler Vereinsmitglieder aus. So ist es ihnen denn auch immer wieder gelungen, Kultur und Metier der Bildhauerei aktuell und präsent zu halten. Dass die AZB als Gemeinschaft selbst während einer Zeit zunehmender Individualisierung überdauert hat, ist nicht selbstverständlich. Spannend hingegen ist, dass sich heute gerade eine jüngere Künstlergeneration wieder vermehrt zu Künstlerduos, -trios oder gar zu grösseren Communities zusammen findet. Doch sie tun dies weniger vor dem Hintergrund sozialutopischen Denkens, als vielmehr aus pragmatischen Überlegungen heraus. Wenn sie sich zusammenschliessen, so tun sie dies um einer komplexen, unüberschaubaren und immer schneller werdenden Welt zu begegnen. Wie damals bündeln sie ihre Fähigkeiten, potenzieren ihr Können. Sie entwickeln Ideen und Konzepte und führen diese anschliessend gemeinsam aus. Wenn die junge Generation auch aus einer anderen Haltung heraus agiert, wie im Kollektiv gearbeitet und gehandelt werden kann, hat ihnen die exemplarisch AZB vorgemacht. Das Konzept der Gemeinschaft hat sich zwar stark verändert, es ist aber auch heute nicht überholt.
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© Kathrin Frauenfelder 2006 |
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