Leonid Sokhranski
Das Zürich Projekt

 

Die Mythen über Prometeus sind Mythen über die Entstehung der Kultur. Der Titan steht gegen die Götter und bringt den Menschen das spezifische Objekt, das der animalischen Welt nicht eigen ist. Nach dem Charakter seiner Handlung ist Prometeus zweifellos ein heldenhafter Phallus.
Er erhebt sich gegen das göttliche Verbot Menschen zu lieben, widersetzt sich dem Willen der Bestrafung, die Zeus auf die Menschen legte (das Feuer als zivilisatorisches Element wurde ihnen genommen). Der prometeussche Raub (er stiehlt das göttliche Feuer) penetriert den Status des Olymp als sakral erhabenen Raum, macht den Olymp zugänglich, bildet eine Möglichkeit, im figurativen Sinne, für die Kreativität der Sterblichen von der göttlichen Aura anzuzapfen. 
Im Mythos existiert auch der zweite Teil des Dramas, das Prometeus in ein phalluzentrisches Konstrukt transformiert, es ist seine Strafe. In den kaukasischen Gebirgen gefesselt wird der Titan-Phallus seinerseits zum patriarchalischen Phallusverbot der Götter, aber der seine Leber fressende Adler erfüllt die Rolle des heldenhaften Phallus in der Form eines Raubvogels. Das vorgestellte Beispiel erlaubt mir eine spekulative These über die phallusneigende europäische Kultur, in deren Rahmen das gleiche Motiv in verschiedenen Formen weiterspielt.
Die europäische Gemeinsamkeit erstreckt sich südlich und nördlich der riesenhaften Wirbelsäule - das mediterrane Bergsystem von den Pyrenäen, durch die Alpen, bis zum Kaukasus.
Im Laufe der neusten Vereinigung Europas, besonders bei der Eingliederung ihrer östlichen Grenzgebirge, hat sich der altertümliche Widerspruch zwischen der Zivilisation, die nach der Unifizierung, Rationalität und der Ordnung strebt, und den lokalen Kulturen, die stark im kollektiven Unbewussten verwurzelt sind, verschärft. Der Konflikt, so meine Meinung, äussert sich am besten in der symbolischen Form von Prometeus’ Mut - die ewig dauernde Tragödie des auf einer Bergspitze gekreuzt und gequälten Titans schildert die tiefen Widersprüche der modernen Situation auf symbolische Art.
Nach seiner landschaftlichen Auslagerung und der kulturell bedingten Verteidigung der Identität innerhalb der europäischen Gesellschaft ist die Schweiz eine prächtige Bühne für die Demonstration dieser Tragödie.
Die von mir vorgestellte Skulpturinstallation besteht aus dem Phallus und dem Adler in einer Wiederholung. Der erste Teil wird auf einen Modell-Berggipfel montiert und in der Umgebung der Stadt Zürich aufgestellt, der andere Teil im kleineren Maßstab wird auf einem Berggipfel in den Alpen platziert. 
 

   

Die Spannung der mythologisch geladenen Skulpturengruppe geschieht in zwei Räumen - in der symbolischen Welt des Staates, der von tauschbaren Werten der Gesellschaft unterjocht ist, und auf den Berghöhen, wo der Maßstab der Objekte zur natürlichen Umgebung nicht vergleichbar ist, und deshalb über keine praktische Bedeutung in der menschlichen Welt verfügt, der Welt aus Konstrukten, der Ersatzformen und der Wechselbeziehungen.

 

Juni 2007