Werkwürdigung:
Ursula Hirsch verwendet und übersetzt den Begriff Sitzskulptur seit 1993 in
ihrer räumlichen Arbeit. Sie fördert die Interaktion zwischen Rezipienten
und Werk, indem sie es dem menschlichen Körper annähert. Sie überbrückt den
mentalen sowie den körperlichen Abstand bis zur vollständigen Auflösung,
indem sie einlädt, sich hineinzubegeben, sich niederzulassen, in die
Luftkleider aus reflektierendem Bandmaterial zu schlüpfen.
Die Würfelskulptur "Grotto"1998 verkörpert Nähe und Wärme und
fordert auf
zum Dialog im Innenraum. Was sie dafür bereit stellt ist eine Haut, ein
Haus, ein sakraler Ort, der vier und zwei Körper eingrenzt, eine Haut, die
Aussenwelt ausgrenzt, Licht durch den würfligen Oberlichtschacht gebündelt
aufnimmt. Intim. Heil. Langsam.
Seit Beginn ihres Schaffens 1982 sind die klaren, geometrisch einfachen,
jedoch stets vielschichtig zu rezipierenden Werke der Künstlerin
themenzentriert, anders als bei den bekannten amerikanischen Geometrikern
oder den meisten Zürcher Konkreten. So als wäre es eine
Selbstverständlichkeit, beginnt Ursula Hirsch mit ihrem allerersten Werk,
noch an der Akademie in Holland, sicht- und spürbar raumbezogen und sie
bleibt dem Raum bis in die jüngsten Produktionen treu.
Bald darauf verbindet sie Farben mit den Objekten, auch im Aussenraum und
"lädt die Reflektion damit emotional auf". Ab 1992 entstehen
vereinzelt
monochrome Wandarbeiten, ab 1998 mehrfarbige "Kreuzungen" und mit
Kunst-fremdem, farbigem oder reflektierendem Bandmaterial"gewobene"
Farbtafeln ab 1999.
Flach an der Wand oder 3-dimensional und räumlich, Ursula Hirsch verwendet
durchwegs unedles, nicht artifizielles Material wie industrielle
Halbfabrikate, Platten, Winkel, Stäbe, fügt sie in sichtbaren
Konstruktionen zu halb offenen/halb geschlossenen Körpern- konsequent im
Kontext mit sicht- und fühlbaren psychischen oder physischen Bereichen des
gewählten Ortes. Ursula Hirsch spricht damit über sich selbst, über Sie,
über mich. Spröde kann die Materialisierung ihrer Inhalte wohl genannt
werden, jedoch niemals trocken. Zuweilen scheinen ganze Werkgruppen wie
leicht überzuckert mit Witz und mit einer Prise nicht unkritischer Ironie
gewürzt. Wer ausserdem die dem Werk inhärente, mehrfach verschlüsselte
Sinnlichkeit entdeckt, wird über die mancherorts überbordende Emotionalität
im Schwingen der Klänge und Rhythmen von Material, Licht und Farbe nicht
erstaunt sein.
Violet Vlusser