Anna-Maria Bauer - Raumgänge 

Die Zürcher Plastikerin ist eine bedeutende Vertreterin einer Kunst, die im Überschneidungsfeld von Geometrie und Natur operiert. Ihr zentrales Thema ist die Erforschung natürlicher Ordnungen, Muster und Rhythmen und deren Übersetzung in gehaltvolle Abstraktionen. Die Konfiguration der begehbaren Installation, die die Künstlerin in der Kunstkammer einrichtet, hat sie denn auch von der Morphologie der Schildkröte hergeleitet. 

Die alten Griechen errichteten Säulenhallen, Kreuzgänge und Baumalleen in Parks, weil sie der Meinung waren, dass das Gehen die Gedanken in Gang bringt. Friedrich Nietzsche war sogar überzeugt davon, dass nur die ergangenen Gedanken einen Wert haben. Und Alberto Giacometti war allein schon vom Umstand angetan, dass der Mensch auf zwei Beinen geht und dies ohne das er das Gleichgewicht verliert und ihm der Boden unter den  Füssen wegrutscht.

Wenn Anna-Maria Bauer nun in der Kunstkammer eine architektonische Struktur aufbaut, so will sie nicht allein mit einer ungewöhnlichen Raumordnung den Raum in neuer Weise erfahrbar machen. Die Installation übernimmt überdies die Funktion, den Fokus auf den menschlichen Gang zu lenken. Die Begrenzung des Blicks im geschlossenen Raum macht die Aufmerksamkeit wach für Details, die im alltäglichen Gehen kaum bemerkt werden. Denn wie wirkt sich das Gehen auf die Sinne aus? Welche Bedeutung kommt der Geschwindigkeit beim Gehen zu? Welche Erfahrungen sind mit dem Spazieren verbunden? Welche mit Rastlosigkeit? Verschiedene Kulturen bringen unterschiedliche Gangarten hervor. Die Figuren des Flaneurs, des Wandervogels oder des Joggers stehen für verschiedene Fussbewegungen, aber auch für verschiedene Erfahrungsmöglichkeiten. Das Stolpern, Tanzen und Laufen für ungleiche Rhythmen aber auch für unterschiedliche Geschicklichkeiten. Nicht zuletzt gilt das Gehen als Mass, an dem sich das menschliche Wohlergehen bemisst. 

 

 

 

 


Anna-Maria Bauer, langjähriges Mitglied der AZB, ist vor allem bekannt durch ihre Arbeiten im öffentlichen Raum, wie zum Beispiel den Bodenintarsien in Innen- und Pausenhöfen in Chur, Zürich, Jona oder Kinshasa; der Grossplastik Intervall in der Abflughalle im Flughafen Zürich, Dock E; der Gedenkstätte für Katharina von Zimmern im ehemaligen Kreuzgang des Fraumünsters in Zürich; des Lichtbogens in der Paul Schiller Stiftung in Zürich oder der Klanginstallation im Reservoir ‚uf Stuel’ in Osterfingen. 


Kathrin Frauenfelder
Gastkuratorin Kunstkammer 07/08