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| Aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung Seeufer von René Odermatt in der Kunstkammer auf dem Gaswerkareal Schlieren Den Auftakt in der Reihe FokusSkulptur* in der Kunstkammer macht René Odermatt (*1972, Zug). Er hat mit über achthundert Platten und dreihundert Würfeln in der Kunstkammer eine bühnenhafte Inszenierung mit dem Titel Seeufer aufgebaut. Zwar lässt sich die Szenerie nicht betreten. Doch kann man rund herum laufen und die Gestalt der aufgebauten Bausteine von allen Seiten aus betrachten, so wie bei einer Skulptur. Ob das Publikum in dem Gebilde jedoch auch sieht, was der Titel suggeriert, nämlich, dass es sich bei der Ansammlung verschiedenfarbiger Würfel um eine Landschaft handelt, das heisst, um ein Seeufer an dessen wellenbewegtes Wasser ein Gebirge mit Baumbewachsenen und steil aufragende Felswände stösst, das zu entscheiden, überlässt der Künstler den Betrachtenden. René Odermatt wohnt in Kriens. Von seinem Wohnort aus hat er den Vierwaldstädtersee stets vor Augen. Als ich ihn für diese Ausstellung eingeladen habe und er diesen lichterfüllten Raum gesehen hat, war ihm sofort klar, dass er, aus der Innerschweiz kommend, ein Landschaftsbild installieren würde. Konkret hat sich René Odermatt schliesslich von einem Bildausschnitt mit dem Titel Seeufer anregen lassen. Auf das Bild ist er gestossen, als er anlässlich einer Recherche im Internet den Suchbegriff Seeufer eingegeben hat und bei dieser Gelegenheit ein Landschaftsbild von Ernst Bachmann Seeufer mit Blick auf Gletscher entdeckte, das ihm insbesondere wegen der malerischen Aspekte aufgefallen ist. Die romantische Empfindung des Malers, dessen Ehrfurcht vor den dunklen Tiefen des Wassers und den steil aufragenden Gebirgen, prägen die Stimmung des Bildes. Diese hat der Maler mit farblichen Kontrasten und in atmosphärischer Verdichtung nachdrücklich festgehalten. René Odermatt hat bereits während des Studiums an der Hochschule für Kunst und Gestaltung, die er von 2001 bis 2004 in Luzern besuchte, den Computer als Werkzeug der Inspiration entdeckt. Er hat sich mit der Frage wie die Technik unsere Wahrnehmung verändert und mit dem Generieren von künstlichen Bildern intensiv auseinander gesetzt. Zunächst hat er mit 3D Programmen auf der Maschine eigene Bilder generiert. Gewisse Motive, die er als gelernter Holzbildhauer einst von Hand geschnitzt hatte, generiert er nun mit der Maschine Computer. Dabei werden die Formen immer abstrakter. Er kreierte schliesslich ein ganzes Repertoire mit strengen, allgemeingültigen und sofort erkennbaren Formen, wie Bäume, Gänseblumen, Häuser, Fabriken, Berge, aber auch Industrieelemente sind dabei wie Klimaanlagen oder Brunnenstuben. Doch René Odermatt ist nicht Maler. Er ist Bildhauer und als Bildhauer liegt ihm am Objekt und am Dinghaften. So entwickelt er Möglichkeiten, wie er die künstlich generierten Bilder, die er als „Abbildungen virtueller Skulpturen“ begreift, auf zeitgemässe Art in die dritte Dimension übersetzen kann und beginnt diese mit MDF Platten nachzubauen. Seither pendelt Odermatts skulpturales Schaffen zwischen der Welt der Computer und der Welt der realen Körperlichkeit. Odermatt experimentierte weiter: Durch Zoomen veränderte sich das technisch erzeugte Bild und die digitale Struktur wird sichtbar. Oder durch Vergrösserung etwa verzerrt sich das Bild und es löst sich in einzelne Pixel auf. Dies erinnerte den Künstler daran, wie Kinder mit Legobausteinen ihre Wunschlandschaften bauen. Aus diesen Erkenntnissen heraus entwickelt Odermatt seine neue künstlerische Strategie. Er übersetzt die Pixel in Würfel und hat nun mit den zum Objekt gewordenen Pixel einen Bausatz mit dem er jedes Bild aus dem Computer herausholen und nachbauen kann und er hat zudem eine Methode, mit der er die Rasterstruktur von digitalen Erzeugnissen im Dreidimensionalen sichtbar machen kann. Auch die in der Kunstkammer realisierten Arbeit Seeufer baut auf diesem Prinzip auf: Mit den Würfeln als den zum Objekt gewordenen Pixel. Die bühnenhaft inszenierte Räumlichkeit hat zudem viel Verwandtschaft mit dem geschichteten Raum des Cyberspace. Beim Betrachten entsteht zudem das Gefühl, als tauche man ein in die künstliche Bilderwelt des Computers. Das Dargestellte ist auch genau so clean wie das Computerbild und die Verzerrungen sind so real und widerspenstig, wie ein schlecht aufgelöstes digitales Bild. Die Farbnuancen ahmen weder die Natur nach noch die Farbigkeit der Malerei, sondern sie entstammen dem Farbspektrum des RAL- Industrie-Farbfächers. René Odermatts Arbeiten werfen eine Vielzahl an Fragen auf. Zwar kann mit dem Computer mittlerweile jedes nur denkbare Bild erzeugt werden. Es kann gemorpht, weichgezeichnet, gefiltert, invertiert, gedreht, koloriert, gerastert oder Punkt für Punkt, Pixel für Pixel erdacht oder modifiziert werden. Und wie beim Bild, so lässt sich auch im Bereich der Skulptur mit modernen technischen Verfahren, etwa dem Prototyping, jede beliebige Form nachbilden. Man kann jedes Reale kreieren ohne Ursprung und dieses Reale in ein Hyperreales steigern. Dieses Vorgehen hat insbesondere ein Revival der figurativen Skulptur bewirkt. Aber nicht nur, auch im Bereich der abstrakten Skulptur treffen wir auf Formen, die in neue, ungeahnte Bereiche vordringt. Auf Messen und Biennalen, in Museen und Galerien treffen wir auf diese Formen. Doch René Odermatt interessiert sich noch für ein Weiteres: Er reflektiert in seinen Arbeiten immer auch die Weise der strukturellen Herstellung und ihre Übersetzung in die dritte Dimension. Das es René Odermatt weniger an der Gestaltung oder an der Bedeutung der Skulptur liegt, sondern an der Skulptur als Objekt und an ihrer Dinghaftigkeit, das macht – so meine ich – die Arbeit Seeufer aufregend und spannend. Ganz grundsätzlich unterscheidet sich die Skulptur von der zweidimensionalen Gestaltung. Immer geht es im Zusammenhang mit der Skulptur um die Materialität, um Masse und Volumen. Der Raum spielt eine Rolle, die Atmosphäre, das Handwerk. Manchmal ist es sogar weniger wichtig immer wieder neue Sujets einzuführen, als vielmehr für zentrale Motive der Skulptur neue zeitgemässe Formulierungen zu finden. Die Skulptur hat denn auch ihre eigene Geschichte. Es ist eine Geschichte mit wechselnden Interpretationen und es ist eine Geschichte, die eine Fortsetzung hat. Die Reihe FokusSkulptur* geht mit dieser und auch mit den nächsten Ausstellungen zentralen Fragen in Bezug auf die Skulptur nach. Kathrin Frauenfelder Gastkuratorin Kunstkammer 07/08 Zürich/Schlieren, 20. April 2007 |