| Der Plan ist das Tableau, das der Vorstellung und dem Denken gestattet, Raum einzunehmen. |
Zu den neuen Arbeiten von Barbara Roth In seiner Untersuchung über die «Ordnung der Dinge» unterscheidet Michel Foucault eine fundamentale Ordnung von Codes einer Kultur, die durch Sprache, Wahrnehmung, Austausch, Technik und Praktiken bestimmt ist, in denen sich der Mensch wieder findet.(1) Diese Ordnung wird durch eine Ordnung des Denkens – wissenschaftliches Tun, Reflexion und Erklärungen der Philosophen – bestärkt. Aber zwischen diesen beiden Ordnungen herrscht – so Foucault – ein Gebiet, das konfuser und dunkler ist. Vor allem ist es eine stumme Ordnung, die sich von ihren primären Codierungen löst. Als ich Barbara Roth in ihrem Atelier am Zürichhorn besuchte, musste ich auf einmal an dieses Foucaultsche Ordnungssystem denken, vor allem an jenes Mittelgebiet, das sich zwischen den codierten Blick und das Denken einschiebt. Auf den Tischen im Atelier der Künstlerin waren jene Arbeiten – Zeichnungen, Kleinskulpturen, Bilder, Modelle – ausgelegt, die sie für ihre Ausstellung in Langnau im Herbst zusammenfügen wollte. Da gab es Monotypien auf weissem Papier, die sie von historischen Landschaftsdarstellungen und Federzeichnungen der Wissenschaftsillustration abgenommen hatte. Da waren Planzeichnungen, die sie mit schwarzem Pigment und Schuhwichse auf rechteckigen Holztafeln angebracht hatte, noch in unentschiedenem Zustand, ob sie Bild oder Bodenplatte sein wollten. Da stand ein Tisch voller kleinformatiger Holzklötze, die auf allen sechs Seiten die Planzeichnungen weiterführten, welche Barbara Roth auf den Tafeln begonnen hatte. Auf einer aufgebockten Tischplatte waren seltsame Modellbauten angeordnet: eine Art Architekturmodelle, jedoch aus Messing, leere Plätze und langgestreckte, flache Architekturen vorstellend. Es gibt eine kulturelle Konvention, Pläne und Modelle zu lesen. In der Tat scheint es vor allem eine abendländische Kulturpraxis zu sein, bereits die Vorstellung einer Idee als Plan in den Raum stellen und lesen zu können. Wir sprechen vom geographischen Raum, vom architektonischen Raum, vom Zeitraum, vom sozialen Lebensraum und Weltraum: Pläne vermögen diese Räume zeichenhaft in der Fläche darzustellen. Deshalb ist es zunächst die Hinwendung zum ältesten und einfachsten aller Medien – zur Zeichnung –, welche die Arbeiten von Barbara Roth der letzten zehn Jahre verbindet, sei es in der skulptural-objekthaften oder in der malerisch-bildlichen Ausformulierung. Das concetto, der zeichnerische Plan: Zum ersten Mal deutlich fassbar ist er in den filigranen Skulpturen aus Federstahl, die Barbara Roth für verschiedene Ausstellungssituationen in Aussenräumen geschaffen hatte. Die mit «sites flottants», «entre 2», «structure ouverte» betitelten Plastiken zeichnen mit dem Material Federstahl einfache geometrische Zeichnungen in den Landschaftsraum, die auf dem Kubus oder unregelmässigen Polyeder basieren. Das geometrische Volumen ist nur durch die Kanten angedeutet, also nicht gefüllt, zudem meist auf eine oder zwei Seiten hin offen, so dass die Figur sich verändert, sobald man den Betrachterstandpunkt wechselt. Die Struktur der Skulptur scheint dynamisch zu gleiten, schreibt Kathrin Frauenfelder zu den Objekten aus Federstahl, die vor ein paar Jahren in der Stiftung für Eisenplastik Sammlung Dr. Hans Koenig in Zollikon zu sehen waren. (2) In der Verbindung von Bewegung und perspektivischem Sehen verwandelt sich die Gestalt der Skulptur permanent. Zeigt sich aus der einen Perspektive eine Reihe von nebeneinander angeordneten Federstangen, so wandeln sie sich im nächsten Augenblick zu einem Rechteck, aus dem folgenden Blickwinkel zu einem Parallelogramm. Was gerade noch als Binnenraum erschien, ist nun Aussenraum. «Eine solche Auffassung von Skulptur weicht ab von den in der Tradition entwickelten Idealen, nach denen etwa ein Körper als geschlossener oder ein Ensemble von Räumen als ein zusammenhängendes, in sich ruhendes und logisch durchschaubares Ganzes zu konzipieren ist.» (3) In der Tat scheint Barbara Roth sich nach der Erfahrung mit den filigranen Federstahl-Linien, mit denen sich solche wandelbare Körper in den Landschaftsraum zeichnen liessen, mehr und mehr auf diese Paradoxie der Darstellung eines Raums eingelassen zu haben. Der Plan und das Modell, die sie als Zeichnerin ebenso handhabt wie als Bildhauerin, haben sie in der Folgezeit beschäftigt. Verschiedene Materialien helfen ihr in der skulpturalen Untersuchung, eine eigenwillige Geschichte des paradoxalen Raums zu erzählen, wie er sich im Modell darstellt. Aber auch das Zeichnen leistet im Werk von Barbara Roth immer eine Reduktion, die mit Modellhaftigkeit verbunden ist. Die Aktualität von Plänen und Modellen in der zeitgenössischen Kunst ist virulent, in den letzen Jahren fanden viel beachtete Ausstellungen zu diesem Themenfeld statt, so zum Bespiel «Kunst Architektur Kunst» in der Kunsthalle Wien (1996/7) oder die gemeinsam vom Kunstmuseum Solothurn und vom Musée jurassien des arts Moutier veranstaltete Schau «Analogue/Dialogue. Plan, Modell und Bühne in der zeitgenössischen Kunst» (2001). Andererseits betonen auch viele Architekten, dass der Plan oder das Modell den virtuellen Denkraum für Architektur betont, somit nicht einfach nur die Verkleinerung der Realität darstellt.(4) Im Kontext des Künstlerischen scheinen Modelle und Pläne eine Formulierung fiktiver und imaginärer Orte, deren Horizont jenseits der konventionellen Gegebenheiten liegt. So können sie ihre Unabhängigkeit und Funktionslosigkeit selbstbewusst behaupten. Mit dem Plan versucht Barbara Roth eine Modellierung des Raums entlang der Kanten, was sie in verschiedenen körperhaften Bildtafeln ausformuliert, die sie entweder als Wandplatten oder Bodenplatten konzipiert. Die Kanten der gelb gewachsten Flächen dienen der Linienführung für die imaginären Grundrisse, die auf den Tafeln zu finden sind. Ergänzt werden die Grundrisse durch Richtungspfeile und Abstandsmarkierungen. Die Holzplatten sind im Raum ausgelegt oder an die Wand gehängt. Sie werden zu Trägern von visuellen Informationen, die den vorgestellten Raum der Planzeichnung andeuten und als Objekt ansatzweise realisieren. Und so sind die Tafeln in ihrer Bedeutung geheimnisvoll: Sind es Architekturzeichnungen oder verweist die Bemalung eher auf ein Spielbrett? Mit den wiederkehrenden Richtungspfeilen und Distanzmarkierungen sind Dimensions- und Grössenwechsel verbunden, die zur Spannung im Werk Barbara Roths beitragen. Beansprucht der zweidimensionale Plan unsere Vorstellungskraft in besonderem Mass, suggeriert das dreidimensionale Modell bereits eine real wirkende Welt im Kleinen: die Miniatur. Unter diesem Titel existiert eine Reihe von flachen Kleinskulpturen aus Messing, welche die Künstlerin in der Ausstellung auf einem langgestreckten Tisch anordnet. Die rechteckige Grundfläche der «Miniaturen» ist durch weitere Vierecke wie ein Grundriss auf einem Architekturplan unterteilt. An einigen Stellen ragen Wandteile, Türme, Treppenteile oder Säulen in den Raum empor. In die Grundfläche sind mit dem Stichel oft geometrische Zeichnungen eingeritzt: Dreiecke, Aufrisssituationen, Zahlen, gebogene Linien, wie wenn sie einen Weg andeuten würden. Auffallend an ihnen ist, dass sie zum Teil widersprüchliche Informationen in sich speichern: Informationen, die eher die Modellhaftigkeit betonen, und Informationen, die eher die Ansicht eines Aufrisses, also einer Zeichnung behaupten. Somit sind Barbara Roths «Miniaturen» als eine Ordnung zu lesen, die sich von ihrer primären Codierung löst. Das Unentschiedene, das daraus resultiert, macht die Objekte geheimnisvoll, ambivalent. Mit Bezug auf Gaston Bachelards «Poetik des Raumes» (1957) verweist Roth auf die Bedeutung der Imagination und der Miniaturisierung. Als Mittel der Verdichtung ermöglichen es diese Kleinskulpturen, das Umfassende und Entlegene der Welt besser zu begreifen. Die Miniaturen bringen Weitläufiges, weit voneinander Entferntes in ein engeres Verhältnis. Ähnlich verhält es sich mit den kleinformatigen bemalten Holzklöten, die als Bildobjekte auf einem Wandregal aufgestellt werden. Die so erhaltene Horizontlinie deutet eine «Stadtlandschaft» an. Bei den «Miniaturen» von Barbara Roth zeigt sich das Zusammenziehen in der Kleinheit auch in der Verwendung von Messing, einem für die Skulptur eher ungewöhnliche Material. Die Künstlerin hat diese Legierungsart vor allem deshalb gewählt, weil damit kleinste Elemente miteinander verschraubt werden können. Das Messing erzählt somit seine eigene Geschichte: jene der Präzision in der Kleinheit. Messing ist ein Material für Präzisionsgeräte: Waagen, Lineale, Schiffsuhren, Sextanten, Fernrohre. Mit ihren Kleinplastiken ist sie auf Präzision der Wahrnehmung aus. In der Unentschiedenheit, was sie eigentlich darstellen, zwingen sie den Betrachter nah heran, die auf sich vereinigten Zeichen und Informationen erst eigentlich zu entdecken. Somit sind diese Kleinskulpturen Messgeräte für die Wahrnehmung. Auch die Monotypien, die Barbara Roth im Jahr 2003 erarbeitet hat, sind Bilder, die erst einmal Rätsel aufgeben. «Collagen» nennt sie die Künstlerin. Barbara Roth überlagert in ihnen verschiedene Formen und Elemente von Zeichnung: Landschaftszeichnungen aus dem 19. Jahrhundert, kartographische Darstellungen, Illustrationen von meteorologischen Phänomenen, Schraffuren und Symbole aus der wissenschaftlichen Zeichnung. Sie übernimmt sie aus dem kulturellen Archiv, um sie im Verfahren des Abdrucks auf dem Blatt neu zu ordnen. Wie immer bei Barbara Roth ist die Zeichenhaftigkeit in ihrer ganzen Reduktion deutlich zu erkennen. Umso weiter spannt sich der symbolische Raum, der sich an den Zeichen anlagert. In erster Linie dem Plastischen zugewandt, untersucht die Künstlerin, wie die Materialität des Raumes über Zeichenhaftes entmaterialisiert werden kann. Es reizt sie, die Konventionen von Landschaft, Plätzen und architektonischen Räumen, ihren räumlichen Vorstellungen und Darstellungen auszuhebeln. In vielen ihrer Zeichnungen und Objekte ist vordergründig Architektur zu besichtigen, der eigentliche Anlass der Arbeiten ist jedoch der Ort der Präsentation. Bilder, wie sie Barbara Roth versteht, sind ein Denkraum: Sie sind die vielversprechende Aussicht auf Mögliches. (5) Sibylle Omlin |