< Lueg, dahätt's en Prellbock verjaggt!>, sagte der Spaziergänger zu seiner Frau. Die beiden waren unterwegs in der Nähe des Tramdepots Irchel in Zürich. Und tatsächlich ragt dort, wo das Tramgeleise endet, ein rostig gewordener Eisenbogen aus der Erde. Er scheint geborsten, als hätte das Eisen die Spannung der Biegung nicht ausgehalten, als hätte ein Blitz in den Prellbock eingeschlagen. Die einzelnen Eisenstränge des Bogens ragen wie abgsprengte Stangen in die Luft.
Als der Fussgänger erfuhr, dass der Prellbock kein Prellbock ist, sondern eine Skulptur des Bildhauers Willy Wimpfheimer, da schüttelte er nur betreten den Kopf und murmelte: «Kunscht - und erscht na roschtig!» In der Gestalt des vermeintlichen Prellbockes ist im Grunde alles enthalten, alles ablesbar, was den Künstler Wimpflheimer beschäftigt, und dazu gehört auch, dass er mit dem Einwirken des Rostes rechnet wenn er eine Eisenplastik im Freien aufstellt. Auf diese Weise arbeitet die Natur mit an allem was Willy Wimpfheimer gestaltet - auch am Prellbock der Trams vom Irchel.
Die Natur arbeitet mit
Und wie heftig sie mitarbeitet, das erfuhr der Stadtspaziergänger als er, auf einem späteren Gang, am Abhang über Höngg in den Lebristweg einbog. Dort auf dem Kamm, von dem sich eine atemberaubende Aussicht über das Limmattal öffnet, ragen Eisenkörper in die Luft, und es ist als verhöhne ihre Feingliedrigkeit die Schwere des Materials, aus dem sie gemacht sind.
Wind und Wetter ausgesetzt, legen sich die Plastiken eine Patina zu, deren aufgesprenkeltes Rotbraun der Eisenstruktur ein leuchtend herbstliches Gepränge gibt. Dieser Farbüberzug ebenso wie die Oberflächenmusterung, aus der ab und zu Späne wie Schuppen abfallen, sind Beiträge der Natur, die Willy Wimpfheimer in seine Arbeit einbezieht.
Dabei fehlt den Eisenfiguren eigentlich das Naturhafte, Organische. Die Kanten der Eisenstangen aus denen sie gefügt sind, lassen Künstlichkeit erkennen, Gemachtes. Dann aber: Indem er sie dem Rost und der Verwitterung aussetzt, gibt Wimpflheimer die starre Struktur der wirkenden Natur zurück.
Die Skulpturen stehen dort oben auf der Wiese am Rand des Lebristweges und warten darauf, wieder zu einer neuen Skulpturenausstellung irgendwo in Europa transportiert zu werden. Und dann wieder kommen andere Plastiken von beendeten Ausstellungen zurück. Dieser Austausch bewirkt, dass die unerwartete Skulpturenschau über Höngg immer wieder verändert und deshalb neu erscheint.
Aber eigentlich: Ebensowenig wie der Prellbock vom Irchel ein Prellbock ist, ist die Plastikausstellung am Wegrand eine offizielle Ausstellung. Dort hat nämlich Willy Wimpflheimer sein Atelier und den Lagerplatz für seine Werke.
Die fortgesetzte Tradition
Den Hang zum Bildnerischen hat der 1938 in Zürich Geborene schon früh in sich gespürt. Er wollte Fotograf werden. Der Berufsberater hatte ihm die Adressen von fünf Fotogeschäften gegeben. Dort ging er sich vorstellen statt bei eigentlichen Fotografen. Das Ergebnis: Der sechzehnjährige Willy sah sich unversehens als Ausläufer eines Foto-Engrosgeschäftes.
Doch das wollte er nicht. Auf der Suche nach Kontakten und nach Anschluss landete er in den Fünfzigerjahren in der legendären Beiz «Grüner Krug» in der Kruggasse der Zürcher Altstadt. Der «Krug» war damals das Zentrum einer ungebärdigen Gruppe von jungen Zürcher Künstlern. Dort begegnete der junge Willy dem zehn Jahre älteren Muz Zeier, der sich seinen Künstlertraum von Anfang an verwirklicht hatte und der auch als Jazzposaunist der <Höngg Hot Trester Seven> zu einer Art von Kultfigur geworden war.
Zeier stellte eine Weiche in Wimpfheimers Leben, indem er dem Ausläufer eine Lehrstelle beim Zürcher Bildhauer Willy Stadler vermittelte. Dort durchlebte der junge Zürcher eine grundlegende Handwerksausbildung: Stadler war Spezialist für Kirchenrenovationen und Wimpfheimer hatte bei ihm barocke und gotische Reliefs zu restaurieren. Bei Arbeiten für die Fraumünsterkirche und am Zunfthaus zur Meisen konnte er sein Empfinden für plastische Form und für die Eigenheiten des Materials verfeinern. In der Kunstgewerbeschule dann erkannte er das Besondere seiner Ausbildung, denn seine Schulkollegen hatten bei ihren Lehrmeistern vorab die Aufgabe, Buchstaben und Namen in Grabsteine zu fräsen. Und erst als sich Willy in seinen ersehnte Beruf eingelebt hatte, verriet ihm seine Mutter, dass sein Grossvater mütterlicherseits Steinhauer gewesen war und der Urgrossvater Bildhauer in Frankreich. Willy wusste nicht, dass er eine Tradition weiterführte.
Wandermonate im Norden
Die Wanderjahre, zu denen fast jeder Künstler nach seiner Ausbildung aufbricht, reduzierten sich für Willy Wimpfheimer auf Wandermonate. Er hatte 1200 Franken auf seinem Sparbüchlein und träumte davon, sich damit etwa zehn sorgenlose Jahre leisten zu können.
Als er sich seines Irrtums bewusst wurde, war er bereits von Frankreich nach Holland und Belgien unterwegs. Von dort liess er sich nach Schweden treiben, darauf bedacht, möglichst viel von der Welt möglichst genau wahrzunehmen und den Erfahrungsschatz in seinen Beruf einfliessen zu lassen. Er half als Steinbildbauer aus. Doch als es Winter wurde, merkte Willy, dass es kaum mehr Tag werden will. <In den nördlichen Breiten ist immer Nacht! Das brachte mich zur Verzweiflung. Ich kehrte in die Schweiz zurück.>
Heute will es scheinen, als korrigiere Wimpfheimer die Erlebnisse von nordischer Frostigkeit und Trübnis mit einer neu gewonnenen Vorliebe zum mediterranen Kulturkreis mit seiner Helle und Intensität. <Jetzt ist es Zeit>, sagt er Anfangs November, <in die Toskana zur Olivenernte zu fahren>.
Und tatsächlich weist die Klarheit seiner Formen viel mehr nach Süden denn nach Norden. Angeeignet hat sie sich Wimpfheimer in den vier Jahren, in denen er für den Zürcher Bildhauer Hans Aeschbacher arbeitete. Er führte aus, was Aeschbacher ersonnen und entworfen hatte.
Für viele junge Schweizer Künstler hat Aeschbacher als Lehrvater, Vorbild und Anreger gewirkt; er hat ihnen nicht nur die Radikalität formaler Strenge eingeimpft, sondern stets auch gezeigt, dass die inhaltliche Bedeutung der Werke von Erfahrungsbereitschaft, Bildung und Lebensneugier gespiesen wird. <Vom Aeschbacher han ich luege gleert!> Gewicht erhält dieses Geständnis vorab auch deshalb, weil Aeschbacher damals ja längst schon mit abstrakten Formen arbeitete, sein Assistent Wimpfheimer aber die Ausbildung zum Figurativen durchgemacht hatte. <So bin ich i die abstrakt und geometrischi Wält inegrutscht>.
Gewissermassen aus Trotz machte er für sich selber zuhause weiter seine figurativen Plastiken, bis die ungegenständliche Welt die Oberhand gewann. Das Abstrakte im genständlichen sehen lernen, das ist die eigenwillige Fortführung des altbekannten Sprichwortes:
<Je mehr man schaut, umso mehr sieht man!>
Alles dreht sich um den Stab
Mit einer Konsequenz, wie sie wenige Künstler an den Tag legen, hat sich Wimpfheimer in der Folge ein sparsames Inventar von Grundformen zurechtgelegt, aus denen er seine Skulpturen aufbaut. Und spannend ist es für uns Betrachter, die hochragenden Kunstgebilde dann in Gedanken auf die Grundformen zurückzuführen, aus denen sie entstanden sind. Eine wahrhaftige Schule der Wahrnehmung für uns.
Seine Grundform ist heute der Eisenstab mit quadratischem Querschnitt. Zu diesem Stab ist er allerdings auf einem Umweg gekommen. <Gewellte Stäbe> waren im Grunde schon jene schmalen Stelen aus Marmor oder Granit, die Ende der Sechzigerjahre entstanden sind.
Ein Jahrzehnt später haben sie sich zu <gebogenen Stäben> entwickelt. Stäbe aus Stein, verschlungene Stäbe aus Holz, interessanterweise also ist da der Stab nicht Ausgangsmaterial, sondern er wird aus der Masse des Steins oder des Holzes herausgebildet -zurückgebildet aus dem organisch Gewachsenen zur Strenge des kantigen Stabes. Dieser Gegensatz ist belebendes Prinzip, auch dort noch wo sich die Stäbe biegen und ineinander verschränken. Das wohl gültigste Beispiel für diese Phase steht-genauer gesagt: liegt - vor dem Chemielabor der ETH in Zürich. 1978 ist der Bogen noch aus Stein, im Grunde ein fingierter, ein <abgebildeter> Bogen.
<Echt> wird der Bogen erst, als sich Wimpfheimer den Werkstoff Eisen wählt. Eisenstäbe lassen sich biegen, Steine nicht. Also ist die Biegung echt und nicht abgebildet. Wimpfheimer bündelt seine Stäbe und verschleift die Oberfläche, sodass sie sich zum Körper vereinen. Und wenn sie sich oben und unten noch verästeln, ist es als würden sie ausschlagen und sich gegen die Gewalt wehren, die sie in eine geschlossene Form zwingen will.
Die endgültigste Formulierung seines Themas hat Wimpfheimer dort erreicht, wo er die Eisenbogen unter der Spannung (scheinbar!) bersten lässt. Jetzt ist das Bersten «abgebildet», denn wenn man die Stäbe strecken würde, sie könnten sich nicht zur Einheit fügen.
Metallpfähle, Eisenkörper platzen auf. Diese Irritation belebt alle Sinne von uns Betrachtern und macht neugierig auf die weiteren Schritte von Wimpfheimers Umgang mit dem starren Material. Denn Eisen stand Epochen hindurch als Symbol für die Unzerstörbarkeit.
Willy Wimpfheimer zeigt nun, dass das Unzerstörbare vor Verletzungen und Zerfall nicht gefeit ist. Solches Bewusstsein hilft weiter. Also doch: Kunst hat - allen Unkenrufen zum Trotz - mit Leben zu tun.
Text: Peter K.Wehrli